Rudi Tauscher und des Geschriebene:

Im Lauf der Zeit hat sich einiges an Geschrieben angesammelt, ein paar Beispiele werden hier erwähnt:

 

DER TANZ AUF EINEM UNGARISCHEN BAHNHOF (Träume von Poesie 1972)

 

Flucht nach vorne

 

Nachdem es im Rahmen einer Feier einen gemeinsamen Chor mit dem „Gesang zur Poesie“ geben sollte (einer Idee von MecLec folgend, der folgerichtig meinte- der Poet würde eine solche Wertschätzung sicher gut heißen und das Seine dazu tun!), beschloss man, einen Rahmen, oder Rahmenbedingungen zu schaffen zur Flucht nach vorne, was bedeuten sollte, alle, die Lust und Laune (und Ideen) hätten, mögen sich zusammen tun und rasch und unbürokratisch diese Sache zu Ende bringen.

So einfach gestrickt war die Ausgangslage!

Die Realität sah aber bald gänzlich anders aus!

Wirklich bedeutend wurde diese Flucht nach vorne nur dann, wenn alle Beteiligten sich geeinigt hätten, den Chor zum Gesang der Poesie gemeinsam zu gestalten. Das war nicht immer einfach denn so mancher „Poet“ hatte bedeutende Ideen und meinte, diese müssten à priori zu 100% übernommen werden- hatte der nächste in der Reihe etwas andere Vorstellungen und schrieb gänzlich andere Strophen, (auch die Themen wechselten ja meist!), gab es keinen Referee, niemanden, der die endgültige Entscheidung übernehmen wollte und konnte. Dermaßen chaotisch wurden viele Instanzen durchlaufen, hab es unzählige Proben und Zusammenstellungen, aber keine Resultate.

Judy kam wieder einmal angereist, las die vielen Skripten aufmerksam durch, wollte diese auch nicht bewerten, jedoch schlug sie diverse Kürzungen vor („weniger ist mehr, meine Freunde, bedeutend mehr ist oft weniger anstrengend und wirksamer “) und im Trubel, der Auseinandersetzung gelang es, ein Triumvirat zu bilden, das über die Kürzungen du dann über die Endfassung zu entscheiden hatte. Voraussetzung dafür war gewesen, dass diese drei ihre Beiträge ausnahmslos zurückzogen und damit neutral urteilen würden.

Und siehe da: das Resultat war durchaus kompakt und in sich überraschend symphonisch, so dass die angesetzten Proben unmittelbar erfolgreich wurden. Und plötzlich geschah etwas, das immer während des Tanzes um Poesie entscheidend und ausschlaggebend war: die Freude und die Lust auf Vollendung in der Unvollkommenheit stellte sich ein und der fast lyrische Chor wurde in eine endgültige Form gebracht, dem Poeten dargebracht und von diesem mit großem Lob bedacht. Gute geflohen, dachte ich bei mir (nachdem ich ins Triumvirat gewählt wurde, musste ich meinen, meiner Meinung nach genialen „Chor der unverbindlichen Vergesslichkeit“, wieder zurückziehen, jedoch hatte es Dan geschafft, dem Poeten eine Kopie des Traktats am Morgen nach dem Fest zu überreichen. Ich weiß jedoch leider nicht, inwieweit der Poet meinen Aufsatz goutierte. 

 

 

EGON M (Roman 1997)

Bernd öffnet ihm die Türe seiner Praxis. Ein wenig betreten, leicht nickend, tritt Egon ein. Er ist schüchtern und er will es zeigen. Er hat Vertrauen zu Bernd gefaßt, den er vor ein paar Tagen in seiner Stammkneipe kennenlernte. Bernd ist ein Freund geworden. Er ist Psychiater und will ihm helfen. Jeder braucht diese Hilfe, hat er ihm gesagt, als Egon eines Abends ziemlich betrunken ihm Szenen seiner jüngsten Vergangenheit zugeflüstert hatte. Unsauber zwar und unvollständig, aber Bernd hatte dennoch bemerkt, daß da einiges nicht stimmte mit Egon. Sie hatten weiter getrunken, sich näher befreundet und einen Termin vereinbart. Egon hatte diesen Termin immer wieder verschoben, aber nun war er hier. Bernd hatte ihm Diskretion versprochen und einen Freundschaftspreis: "Denn billig bin ich normal nicht, alter Freund, aber dafür effizient, verstehst du!", hatte er herausgelacht. Für Egon spielte Geld jetzt keine Rolle. Das war nicht das Thema. Vielleicht konnte ihm der Saufkumpan helfen.

Nun war er also hier in dieser kleinen, aber sauberen Praxis. Sie waren alleine, Bernd hatte eine Sprechstundenhilfe, wie er sagte, aber diese habe er heute nach Hause geschickt. "Die brauchen wir nicht, glaube ich", hatte er wieder gelächelt. Egon bewunderte ihn und seine Gelassenheit. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen und das imponierte ihm.

 

Er war sich aber absolut nicht im Klaren, was er hier tun sollte. Wie sollte der Freund ihm helfen? Brauchte er überhaupt Hilfe? Er konnte sich darunter nichts vorstellen.

 

"Mach dir keine Sorgen, jetzt bist du in den besten Händen", sagte Bernd und Egon hatte das Gefühl, daß der Freund dies ernst meinte. "Wir werden heute einmal mit einer ersten Sitzung beginnen, ein Ist-Zustand sozusagen, der aber noch nichts aussagt. Ich muß mir erst im Klaren sein, wie oft wir anschließend die Therapie ansetzen.

 

Therapie? Was soll das, dachte Egon, ich bin doch nicht verrückt. Er wagte einen leichten Vorstoß, wollte zuvor noch einen Whisky trinken, aber der Freund lehnte ab. "Jetzt nicht, das bringt nichts, wir werden etwas trinken, wenn wir dann fertig sind", sagt er.

"Wenn ich jetzt nichts zu trinken kriege, werde ich gar nichts sagen", denkt sich Egon trotzig. Ja, er hat sich zurückgezogen in seine Position, aus der heraus er sich stärker fühlt. "Soll der mich doch, was glaubt er denn? Sage ich eben gar nichts oder erzähle ihm irgend etwas. Irgendwas, der wird ohnehin nichts merken, ja, das ist´s!"

 

Mit einem Mal fühlt er sich besser und wirkt auch so. Bernd nimmt es lächelnd zur Kenntnis. Sie fangen also an. Von der Kindheit will er wissen, was er so dachte und fühlte. Wie er in der Schule war, während der Studienzeit, wie er sich heute fühlt. Und in der Ehe. Und der Umgang mit seinen Eltern. Früher Probleme gehabt? Wer denn nicht, ha? Bernd lacht, erzählt ein wenig von seinen Eltern, läßt nur ein bißchen anklingen, schildert die Auseinandersetzungen, den permanenten Streit, vor allem mit seinem Vater. Er sollte studieren und wollte protestieren. Er studierte also nicht. Der Vater warf ihn raus und die Mutter half ihm heimlich. Bernd ging zurück zu den Eltern, die Mutter hatte das eingefädelt, aber bald schon begann die Auseinandersetzung mit dem Vater von Neuem. Es war nichts auszuhalten, aber Bernd blieb.

 

"Die Alten hatten viel Geld und es mangelte mir an nichts", erzählt er, "das mußte ich ausnützen. Irgendwie kam ich immer an Geld, ich hatte ja die Mutter auf meiner Seite. Sie half mir, sie hielt immer zu mir, ohne daß der Vater es wußte."